Vieles kann ein Musiker lernen, Charisma aber gehört zu den Dingen, die man hat oder nicht. Und so ist es immer noch rar und besonders, wenn ein Sänger oder eine Sängerin das Publikum nicht nur mit seiner Musik, sondern auch mit seiner Persönlichkeit erreicht. Wenn ein Jamie Cullum, ein Robbie Williams oder eine Aretha Franklin nur Minuten brauchen, um ein unsichtbares Band zwischen sich und dem Zuhörer zu knüpfen. In diese Kategorie der auratischen Verzauberer, intuitiven Entertainer und überdimensionalen Bühnenpräsenzen gehört zweifellos auch die südafrikanische Sängerin Nomfusi Gotyana – wie ihr neues Album „African Day“ wieder einmal beweist.

Eine mal strahlende, mal grollende, mal schwebende Soul-Stimme, die sich mit fast unerklärlicher Kraft aus dem zierlichen Körper der kaum 1,50 Meter überragenden Nomfusi Bahn bricht, vereint sich hier mit absoluter Hingabe an die Musik und dem einzigartigen Ausdruck einer starken Persönlichkeit. Amerikanischer Motown-Sound verbindet sich mit afrikanischem Sophiatown-Soul zu einem World Pop mit eigenem Akzent, etwa wenn auf dem hymnischen „Sthandwa Sami“ die Liebe auf Xhosa - eine der elf Sprachen Südafrikas - besungen wird oder sich in die schwungvolle Beschreibung eines typischen südafrikanischen Tagesablaufs im Titeltrack die für die dortige Musiktradition charakteristischen Klicklaute mischen. Und stets sind die Songs - ohnehin fast alle von Nomfusi selbst oder zusammen mit dem Keyboarder und Produzenten des Albums Harald Reitinger geschrieben - von ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit durchdrungen.

„Das Schöne an afrikanischer Musik ist, dass man ernste Themen ganz leicht erzählen kann“, sagt Nomfusi. So mag einen der funkig-lässige Opener „Wave of Love“ an unbeschwerte Al-Jarreau-Songs erinnern, doch das hier beschworene Auf und Ab der Liebe mit Lachen und Weinen bekommt einen ganz anderen Hintergrund, wenn man Nomfusis Geschichte kennt: Sie ist zwölf, als ihre Mutter an Aids stirbt. Auch sonst ist die Kindheit in KwaZhakele, einer der berüchtigtsten Townships von Johannesburg, alles andere als unbeschwert: Sie wächst in ärmlichsten Verhältnissen auf, der Vater sitzt im Gefängnis, auch die Tante und später ihre Schwester fallen einer Aids-Erkrankung zum Opfer. Die Pflegefamilie erweist sich als gewalttätig und abweisend. Doch Nomfusi besitzt zwei Eigenschaften, mit denen sie Unglück und Armut entkommt: Der unbändige Wille, ihr Leben selbst zu gestalten, und eine großartige Stimme. „Solange ich denken kann, habe ich gesungen, im Hof, in der Schule und im Kirchenchor,“ erinnert sie sich.

Das Talent bleibt zum Glück nicht unentdeckt, erst bekommt Nomfusi dank der örtlichen Musikschulleiterin ein Stipendium, dann nimmt sie ein Musiklehrer und Produzent unter seine Fittiche. Zug um Zug verbreitete sich ihr Ruf in Afrika, aber auch in der alten Welt. Inzwischen hat sie auf vielen wichtigen Festivals wie Lugano Jazz oder als Support für Lionel Richie beim Stimmen Festival in Lörrach gespielt. Vor zwei Jahren durfte sie obendrein ihr Vorbild, „Mother Afrika“ Miriam Makeba, in der mit dem Golden Globe ausgezeichneten Film-Biographie „Mandela: Long Walk To Freedom“ verkörpern. Mit „African Day“ ist die 30-jährige frisch verheiratete junge Mutter nun bereit, endgültig die Welt zu erobern. Mit ganz persönlichen Songs wie „My Mothers Spear“, das dem Andenken an ihre Eltern und allen afrikanischen Müttern, die doch das Rückgrat ihrer Gesellschaft sind, gewidmet ist, mit ihrer mitreißenden Hommage an Nelson Mandela („Hero“) oder dem ergreifenden, bis in die höchste Stimmlage klagenden „Stay With Me“, das sie schrieb, als ihre Schwester im Sterben lag. Oder mit energiegeladenem Soul wie „Don’t Play That Game“ (wo Nomfusi am Schluss sogar in die tiefe, dramatische und raue Emphase a la Eartha Kitt hinabsteigt). Oder mit Pop-Balladen wie „You Are“ oder „Wait“, die, in der universalen Weltsprache Musik artikuliert, von jedem sofort verstanden und gefühlt werden können. So wie das elegische Duett „Wrong Side“ mit dem britisch-karibischen Sänger Leee John, der mit der Soulband Imagination bekannt wurde.

Hand in Hand geht im Hintergrund auch die Zusammenarbeit südafrikanischer und deutscher Musiker, vom mit dem international renommierten Ingoma Award ausgezeichneten Produzenten Sam Ngonyama oder dem Keyboarder John Amoako aus Ghana bis zum Bassisten Stefan Pfaffinger und Gitarristen Markus Escher aus München. Wenn Nomfusi dann das Beste aus beiden Welten auf „African Day“ vereint, wenn sie mit ihrer einmaligen Wucht loslegt, dann braucht es keine Minute, um ihr rettungslos zu verfallen.

Oliver Hochkeppel

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